{"id":1513,"date":"2025-12-02T06:50:30","date_gmt":"2025-12-02T06:50:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kommmit.eu\/?p=1513"},"modified":"2026-04-30T06:51:18","modified_gmt":"2026-04-30T06:51:18","slug":"leben-in-ungewissheit-psychische-gesundheit-gefluechteter-menschen-in-brandenburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kommmit.eu\/en\/leben-in-ungewissheit-psychische-gesundheit-gefluechteter-menschen-in-brandenburg\/","title":{"rendered":"Leben in Ungewissheit: Psychische Gesundheit gefl\u00fcchteter Menschen in Brandenburg"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-medium-font-size\">INTERVIEW<\/h3>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Leben in Ungewissheit: Psychische Gesundheit gefl\u00fcchteter Menschen in Brandenburg<\/h2>\n\n\n<div class=\"has-text-align-center wp-block-post-date\"><time datetime=\"2025-12-02T06:50:30+00:00\">2. December 2025<\/time><\/div><\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sophie Stopfer ist Psychologin und arbeitet seit August 2022 bei KommMit in den Landkreisen Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin. In ihrer t\u00e4glichen Arbeit begleitet sie gefl\u00fcchtete Menschen, die mit den Folgen von Unsicherheit, langen Asylverfahren und belastenden Lebensumst\u00e4nden umgehen m\u00fcssen. In den vergangenen Monaten hat sich die Migrationspolitik auf EU-, Bundes- und Landesebene sp\u00fcrbar versch\u00e4rft. Diese Entwicklungen beeinflussen nicht nur die rechtlichen Rahmenbedingungen, sondern auch das Leben und Wohlbefinden der Menschen, die in Brandenburg Schutz suchen. Wir haben mit ihr dar\u00fcber gesprochen, wie sich die Situation derzeit entwickelt, welche psychischen Belastungen besonders h\u00e4ufig auftreten und was helfen kann, trotz schwieriger Bedingungen Stabilit\u00e4t und Vertrauen zu finden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie wirkt sich die derzeitige Asyl- und Migrationspolitik auf die psychische Gesundheit der Betroffenen aus?<\/strong><br><br><strong>Sophie:<\/strong>&nbsp;Viele Abl\u00e4ufe ziehen sich derzeit deutlich in die L\u00e4nge. Besonders im Asylverfahren gibt es l\u00e4ngere Wartezeiten auf R\u00fcckmeldungen. F\u00fcr viele bedeutet das, \u00fcber Monate oder sogar Jahre in einem Zustand der Ungewissheit festzustecken. Diese st\u00e4ndige Unsicherheit wirkt sich stark auf die psychische Gesundheit aus. Viele f\u00fchlen sich ausgeliefert und ohnm\u00e4chtig.<br><br>Gleichzeitig wird die Asyl- und Migrationspolitik immer restriktiver. Viele gefl\u00fcchtete Menschen empfinden das als zus\u00e4tzlichen Stress, weil sie das Gef\u00fchl haben, ihre Lebensperspektive werde noch unsicherer. Auch wir als Fachkr\u00e4fte sp\u00fcren diese Ver\u00e4nderungen. Regelungen \u00e4ndern sich h\u00e4ufig oder Informationen sind teils unklar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche \u00c4ngste und Belastungen begegnen dir in deiner Arbeit am h\u00e4ufigsten?<\/strong><br><br><strong>Sophie:<\/strong>&nbsp;Sehr h\u00e4ufig geht es um den Alltag in Gemeinschaftsunterk\u00fcnften: das enge Zusammenleben, fehlende Privatsph\u00e4re und kaum R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten. Hinzu kommen Sorgen rund um das Asylverfahren, vor allem die Angst vor Abschiebung. Viele Menschen bringen bereits psychische Belastungen mit, etwa durch Kriegserlebnisse, Gewalt oder den Verlust von Angeh\u00f6rigen. Auch Perspektivlosigkeit, finanzielle Sorgen und die Anpassung an ein v\u00f6llig neues Umfeld sind h\u00e4ufige Themen. Viele Klient:innen berichten auch von gro\u00dfen H\u00fcrden beim Versuch, sich eine neue Perspektive in Deutschland zu erarbeiten. Wartezeiten f\u00fcr Deutschkurse, das Erhalten einer Arbeitserlaubnis und die Erreichbarkeit von Arbeitsstellen auf dem Land sind hierbei h\u00e4ufige Probleme. Die langen Wartezeiten im Asylverfahren verst\u00e4rken all diese Belastungen zus\u00e4tzlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie wirkt sich die anhaltende Unsicherheit \u00fcber den Aufenthaltsstatus oder eine m\u00f6gliche Abschiebung auf das seelische Befinden aus?<\/strong><br><br><strong>Sophie:&nbsp;<\/strong>Diese Unsicherheit ist f\u00fcr viele kaum auszuhalten. Sie f\u00fchrt zu st\u00e4ndiger Anspannung. Menschen schlafen schlecht, sind nerv\u00f6s, unkonzentriert und oft ersch\u00f6pft. Wenn die Frage \u201eDarf ich bleiben?\u201c \u00fcber Monate oder Jahre offen bleibt, wird es fast unm\u00f6glich, zur Ruhe zu kommen oder Vertrauen in die Zukunft zu entwickeln. Die Unsicherheit in Bezug auf die jeweilige Bleibeperspektive erschwert es den Klient:innen h\u00e4ufig auch, die Motivation und Energie, die in Integrationsleistungen gesteckt werden m\u00fcsste aufrecht zu erhalten. Sie haben oft das Gef\u00fchl, dass ihre M\u00fchen bei einer m\u00f6glichen Ablehnung ins Nichts laufen w\u00fcrden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Inwiefern beeinflussen Angst und Unsicherheit das Vertrauen in Institutionen und das Gef\u00fchl, Teil der Gesellschaft zu sein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sophie:&nbsp;<\/strong>Viele entwickeln ein gewisses Misstrauen gegen\u00fcber Beh\u00f6rden und Institutionen, besonders dann, wenn Entscheidungen als intransparent oder ungerecht wahrgenommen werden. Das erschwert den Integrationsprozess erheblich. Es liegt dabei nicht am fehlenden Willen, sondern daran, dass sich viele in einem System bewegen, das f\u00fcr sie unberechenbar und schwer durchschaubar wirkt. Hinzu kommen strukturelle H\u00fcrden und rassistische Erfahrungen, die das Vertrauen zus\u00e4tzlich schw\u00e4chen. Ob selbst erlebt oder aus dem Umfeld berichtet. Solche Erlebnisse ersch\u00fcttern das Gef\u00fchl von Sicherheit und Zugeh\u00f6rigkeit tiefgreifend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was hilft den Menschen trotz all dieser Unsicherheiten, Stabilit\u00e4t und Vertrauen zu finden?<\/strong><br><br><strong>Sophie:&nbsp;<\/strong>Oft sind es die kleinen, aber echten Begegnungen, die viel bewirken: eine verst\u00e4ndnisvolle Sozialarbeiterin, ein engagierter Ehrenamtlicher, jemand, der einfach zuh\u00f6rt. Auch der R\u00fcckhalt in der eigenen Community spielt f\u00fcr viele eine gro\u00dfe Rolle. Aufgrund von Erfahrungen im Herkunftsland ist es f\u00fcr manche Klient:innen jedoch auch schwierig, Vertrauen in Personen aus dem eigenen Herkunftsland, auf die sie in Deutschland treffen, zu haben. F\u00fcr diese Klient:innen kann es hilfreich sein, in der psychologischen Beratung auf neutralem Boden neue und stabile Beziehungserfahrungen zu machen. Insgesamt sind Orte, an denen man sich sicher f\u00fchlt und geh\u00f6rt wird, unglaublich wichtig. F\u00fcr viele ist das der erste Schritt, um wieder Vertrauen zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Arbeit mit Klient:innen beobachte ich immer wieder die positiven Auswirkungen von strukturgebenden Dingen wie dem Besuchen von Deutschkursen oder der Berufst\u00e4tigkeit. Ob diese positiv erlebten, h\u00e4ufig als stabilisierend wahrgenommenen M\u00f6glichkeiten bestehen, h\u00e4ngt hierbei zu einem gro\u00dfen Teil von den gegebenen staatlichen Strukturen und der Ausstellung einer Arbeitserlaubnis ab. F\u00fcr viele Klient:innen bietet diese Besch\u00e4ftigung eine Perspektive, eine Struktur f\u00fcr den Alltag und ein gewisses Gef\u00fchl an \u201cNormalit\u00e4t\u201d. Wichtig ist im Auge zu behalten, dass dies nicht f\u00fcr alle Klient:innen m\u00f6glich ist. Klient:innen m\u00fcssen oft Jobs in einer erschwerten Umgebung nachgehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche Faktoren gef\u00e4hrden die psychische Stabilisierung am st\u00e4rksten?<\/strong><br><br><strong>Sophie:&nbsp;<\/strong>Vor allem die Lebensumst\u00e4nde in Gemeinschaftsunterk\u00fcnften mit fehlender Privatsph\u00e4re, st\u00e4ndiger Unruhe und Unsicherheit \u00fcber die Zukunft. Unter solchen Bedingungen ist es sehr schwierig, zur Ruhe zu kommen und psychische Stabilit\u00e4t zu finden. Die Verarbeitung von traumatischen oder belastenden Erlebnissen im Herkunftsland oder auf der Flucht wird h\u00e4ufig durch die weiterhin instabile und unsichere Situation erschwert. Sichere Perspektiven und Planungs- sowie Handlungsfreiheit w\u00e4ren hier grundlegend, um einen Rahmen f\u00fcr psychische Stabilisierung zu schaffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wo st\u00f6\u00dft du in deiner Arbeit an fachliche Grenzen?<\/strong><br><br><strong>Sophie:&nbsp;<\/strong>Ganz klar bei der Weitervermittlung. Es gibt zu wenig Therapiepl\u00e4tze, spezialisierte Angebote und erreichbare Angebote. In einem Fl\u00e4chenland wie Brandenburg kommen noch lange Wege und eingeschr\u00e4nkte Erreichbarkeit hinzu. Viele schaffen es daher nicht, regelm\u00e4\u00dfig Termine wahrzunehmen \u2013 sei es wegen der Entfernungen, Sprachbarrieren oder der Unbest\u00e4ndigkeit ihres Alltags. Eine langfristige therapeutische Begleitung w\u00e4re f\u00fcr viele dringend n\u00f6tig, ist aber selten m\u00f6glich. Wir k\u00f6nnen in der Beratung nur stabilisierend wirken. Wer tats\u00e4chlich eine Therapie braucht, hat oft einen sehr langen Weg vor sich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in Bezug auf den rechtlichen Rahmen, gegeben durch das Asylverfahren und die damit einhergehenden Regelungen, zeigen sich fachliche Grenzen. Die Funktionsweise des Systems und die damit einhergehenden langen Wartezeiten verursachen gro\u00dfe Unsicherheit und stellen eine akute psychische Belastung dar. Wir begleiten Klient:innen in diesem Prozess und versuchen Sie im Umgang mit dieser Unsicherheit zu st\u00e4rken, haben jedoch oft wenig Handhabe f\u00fcr psychisch schwer belastete Klient:innen, kurzfristige praktische Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren, die sie entlasten und eine potentielle Chronifizierung ihrer Symptomatik abwenden k\u00f6nnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was w\u00fcnschst du dir von Politik und Gesellschaft, um die psychische Gesundheit gefl\u00fcchteter Menschen besser zu sch\u00fctzen?<\/strong><br><br><strong>Sophie:&nbsp;<\/strong>Zuerst einmal eine verl\u00e4ssliche und langfristige Finanzierung. Nur stabile Strukturen erm\u00f6glichen es, Vertrauen aufzubauen und kontinuierlich mit den Menschen zu arbeiten. Fachstellen brauchen Zeit, Ressourcen und gute Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Der Aufbau dieser Strukturen und Beziehungen und auch der Austausch \u00fcber m\u00f6gliche besondere Bed\u00fcrfnisse unserer Klient:innen, um sie zu unterst\u00fctzen, Zugang zum System zu erlangen, ben\u00f6tigen Zeit. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcnsche ich mir mehr offene Begegnungsr\u00e4ume, Orte, an denen gefl\u00fcchtete Menschen willkommen sind, sich austauschen und teilhaben k\u00f6nnen. Immer wieder h\u00f6re ich in meinen Beratungsr\u00e4umen den Wunsch, in Kontakt zu kommen, mit den Bewohner:innen des jeweiligen Ortes, au\u00dferhalb der Gemeinschaftsunterkunft, um sich zu begegnen, Deutsch zu lernen und anzukommen. Ganz grunds\u00e4tzlich w\u00fcnsche ich mir mehr Offenheit, echtes Interesse und die Bereitschaft, Menschen auf Augenh\u00f6he zu begegnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>INTERVIEW Leben in Ungewissheit: Psychische Gesundheit gefl\u00fcchteter Menschen in Brandenburg Sophie Stopfer ist Psychologin und arbeitet seit August 2022 bei KommMit in den Landkreisen Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin. In ihrer t\u00e4glichen Arbeit begleitet sie gefl\u00fcchtete Menschen, die mit den Folgen von Unsicherheit, langen Asylverfahren und belastenden Lebensumst\u00e4nden umgehen m\u00fcssen. 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