STUDIE ZUR PSYCHOSOZIALEN VERSORGUNG IN OSTDEUTSCHLAND

Große Versorgungslücken bei psychisch belasteten Geflüchteten

Eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeigt deutliche Versorgungslücken für psychisch belastete Geflüchtete in Ostdeutschland. Unter den Teilnehmenden der Studie erhielten lediglich 15 % der Personen mit psychischer Belastung eine angemessene Versorgung. Bei besonders stark belasteten Menschen lag die Versorgungsquote noch deutlich niedriger. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt erhielten insgesamt nur 1,3 % der schwer belasteten Personen eine Behandlung, die internationalen Standards entspricht.  

Auch die Ergebnisse für Brandenburg zeigen einen hohen Unterstützungsbedarf: 77 % der befragten Geflüchteten berichteten von psychischen Belastungen, bei 58,6 % wurde die Belastung als „schwer“ eingestuft.

Wohnbedingungen verstärken psychische Belastungen

Die Untersuchung zeigt außerdem, dass die Unterbringungssituation einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Mehr als ein Drittel bewertet den Mangel an Privatsphäre als „unerträglich“ oder „extrem unerträglich“. Unsichere Lebensbedingungen, fehlende Privatsphäre und wenig Selbstbestimmung im Alltag gehen laut Studie deutlich häufiger mit schweren psychischen Belastungen einher.

Hürden im Gesundheitssystem

Ein zentrales Problem ist der eingeschränkte Zugang zum Gesundheitssystem: In den ersten drei Jahren nach der Ankunft haben viele Geflüchtete nur Anspruch auf Behandlung akuter Erkrankungen. Psychische Erkrankungen fallen häufig nicht darunter.

Erst später erhalten viele Geflüchtete eine elektronische Gesundheitskarte und damit Zugang zur regulären medizinischen Versorgung. Die Studie zeigt deutlich, dass Menschen mit Gesundheitskarte deutlich häufiger Behandlung erhalten als Geflüchtete ohne diesen Zugang.

Auch Sprachbarrieren erschweren die Versorgung: In vielen Praxen ist die Arbeit mit professionellen Dolmetscher*innen noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Psychosoziale Zentren schließen Versorgungslücken

In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gibt es derzeit fünf spezialisierte Psychosoziale Zentren, die geflüchtete Menschen unterstützen. Doch ihre Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus: 2024 konnten sie im Durchschnitt nur etwa jede zehnte Person mit Behandlungsbedarf versorgen. Viele Zentren stehen zudem unter erheblichem finanziellen Druck, da ihre Arbeit überwiegend über zeitlich befristete Projektmittel finanziert wird.

Forderungen für eine bessere Versorgung

Der Bundesverband der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) fordert deshalb:

  • eine dauerhafte und flächendeckende Finanzierung der Psychosozialen Zentren
  • eine Krankenkassenkarte für Geflüchtete von Beginn an – in allen Bundesländern
  • einen gesetzlichen Anspruch auf professionelle Sprachmittlung im Gesundheits-, Sozial- und Rechtsbereich
  • menschenwürdigen Wohnraum mit Privatsphäre, sozialer Anbindung und unabhängiger Beratung

Die Studie wurde im Rahmen des Projekts Hürden nehmen – Psychosoziale Versorgung für Geflüchtete durchgeführt und von den Psychosozialen Zentren Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt in Auftrag gegeben.

Das Projekt wird aus Mitteln des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der Europäischen Union kofinanziert.

Die vollständige Studie steht hier zum Download zur Verfügung.

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